Die InselChristina tritt zu den anderen, reibt sich die Hände und streckt sich über das Taufbecken hinweg ihrem Sohn Donatus entgegen, der in der ersten Reihe sitzt: Kommst du? Ihre Augen so streng geöffnet wie den Mund, wartet sie auf die gewünschte Reaktion. Es ist undenkbar, dass ihr Ältester nicht nach vorne träte, aber vor den Leuten zeigt sie gerne, dass sie alles im Griff hat. Er trägt den blauen Matrosenanzug - so, wie sie es gewollt hatte. "Der Vater?" flüstert der Pfarrer zu ihr hinüber.
Geflüchtet, gibt Christina zurück. Steif wie ein Stock schüttelt sie die blonden Haare aus dem Gesicht. Die staunende Gemeinde sieht ihr die letzte Schwangerschaft nicht mehr an. Sie hat die enge beige Hose angezogen. Das Höschen zeichnet sich ab. Ein Strickleibchen, ebenfalls in Beige, betont die schmale Taille und den Oberkörper. Der Pate, Hannes, hat ihr das Baby abgenommen und schaut sie an. Christina nickt dem Pfarrer zu, der jetzt beginnen kann. Ein Raunen geht durch die gut gefüllte Kirche. Draußen ist es kalt. Freddi, der Vater, tritt aus einer Baumreihe auf das Feld davor und betrachtet das platte Land, das in weiter Ferne an Hügel stößt und dort eine Bucht bildet. Rechts hält er einen Baseballschläger in der Hand. Darin geübt, zu warten, schaut er in Richtung auf die kleine Stadt und steht frierend die knappe Stunde, bis er aus dem Läuten der Glocken in der Ferne schließen kann, dass sein zweiter Sohn jetzt getauft ist - auf den Namen Fidelio. Dann dreht er sich um, sucht sich einen Baum, öffnet den Hosenschlitz und pinkelt dampfend so weit an ihm hoch, wie es nur möglich scheint. Er schüttelt sich breitbeinig, zieht den Reißverschluss hoch und folgt dem Weg, der durch das Füchtorfer Moor nach Warendorf führt, wo er zu einer Straße wird, die bis Frankfurt reicht, dann Österreich und Italien, wo man nach Afrika übersetzen kann, wenn man will, um dort wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Die Messe ist ohne Zwischenfall zu Ende gegangen, aber niemand erhebt sich. Fidelio ist in den Armen der Patin eingeschlafen. Hektisch zieht Christina ihren Mantel an, lässt sich das Baby reichen und nimmt Donatus an die Hand. An den vollbesetzten Bankreihen geht sie entlang, die Paten hinter sich lassend, auf die begeisterten Kirchgänger zu, die nahe am Eingang geblieben waren, weil sie keine Sitzplätze mehr gefunden hatten. Es sind nicht sehr viele, die dort stehen, aber es reicht, um zu erschrecken. Die Leute teilen sich vor ihr und umschließen sie dann. Neben dem Eingang steht ein Stuhl, auf den sie steigt, um besser gesehen zu werden. Mein Mann hat mich heute verlassen, sagt sie über die Köpfe der Gemeinde hinweg. Er ist weggegangen. Sie schaut in die Runde, aber niemand sagt etwas. Jemand reicht ihr seine Hand, und jetzt zögernd steigt sie wieder herab. Ihr schaudertSie zittert, als sie vor der Gemeinde auf die Knie fällt. Wieder das Raunen. Bitte, sagt sie, Könnt ihr uns helfen? Sagt, wohin er gegangen ist. Es ist so kalt. Nach Afrika ist er. Die männliche Stimme klingt von den Sitzbänken herüber. Sie ist nicht unfreundlich. Die Gemeinde lacht auf, und die Kirche hallt von den Stimmen wieder. Freddi ist hier aufgewachsengeboren, und viele in der Gemeinde arbeiten für ihn. Es ging um den Matrosenanzug. Er wollte nicht, dass ich Donatus zwinge, ihn anzuziehen. Er mag auch den Namen Fidelio nicht. Und Donatus auch nicht. Ich hab` mich durchgesetzt, und das tut mir jetzt Leid. Wohin ist er gegangen? Sie kann sich die Blöße geben, denn die Kinder sind ja getauft. Die Gemeinde ist entzückt über die Details. Eine zweite Stimme meldet sich: Ich hab` ihn vorhin Richtung Warendorf laufen sehen. Durch die Felder ist er gegangen - querfeldein. Christina erhebt sich und schüttelt ihr Haar wie zu Beginn der Taufe: Kann mich jemand dorthin fahren? Ein Jauchzen geht durch die Menge, die im Nu in allen Autos sitzt. Das Nageln der Dieselmotoren ist in der kalten Luft überdeutlich zu hören und aus jedem Auspuff steigt Rauch in die Höhe. Der Mann, der Freddi gesehen hatte, führt sie zu einem großen Geländewagen und hält Fidelio auf dem Arm, während sie Donatus anschnallt. Sie nickt dem Fahrer kurz zu, der sofort losfährt. Der Wagen hat keine funktionierende Heizung. Die Hose, die sie trägt, ist viel zu dünn und sie friert entsetzlich, während sie über die Feldwege schaukeln. Als ginge es um eine Landnahme im Wilden Westen, folgt ihnen eine ganze Armada anderer Fahrzeuge oder fährt auf parallelen Wegen neben ihnen her. Freddi ist bald gestellt, und die vielen Autos lassen ihm kaum eine Chance, zu entkommen. In der kalten Luft dampfen die Auspuffgase und das Nageln der Dieselmotoren ist unnatürlich laut zu hören. Nur Christina steigt aus dem Wagen aus. Die anderen kurbeln vielleicht die Fenster herunter, bleiben aber sitzen. und fuchtelt wild mit dem Schläger um sich, sodass niemand aussteigen will. Was werden Sie jetzt tun? fragt ihr Fahrer. Das sieht nich` so aus, dass der zurück will. Ich weiß es nicht, sagt Christina, dann fällt es ihr ein, und sie steigt aus. In ihrer Handtasche trägt sie ein Bündel Geldscheine, das sie jetzt für alle sichtbar herausholt und, von einem Stein beschwert, auf die kalte Erde legt. Freddi hört auf, den Schläger zu schwingen. Laut sagt sie: Wenn du nach Afrika willst, dann musst du dein Geld mitnehmen. Es fällt ihr schwer, nicht in die jetzt schweigende Runde zu blicken, während sie langsam zum Auto zurückgeht. Der Fahrer soll sie und die Kinder nach Hause bringen, bitte. Dein Sohn heißt jetzt Fidelio, ruft sie ihm noch zu und lässt ihn dann inmitten der verdutzten Gemeinde stehen. Ihr Haus verbirgt sich hinter einer besonders gesicherten Tür. Lange braucht sie dort nicht zu warten, bis die Gemeinde ihr den verlorenen Brotherrn vor die Schwelle spült, um sich dann laut hupend wieder zu entfernen. Kommst du? Ein gehauchter Kuss, dann schließt sie die Tür hinter Freddi und legt die Kette vor. Als sie abends das Essen serviert, sitzt ihr Mann am Fenster und schaut hinaus. Hinten am Horizont reißt die Wolkendecke auf, sodass die untergehende Sonne die im Winter farblose Stadt in ein violettes Licht taucht. ENDE © Heinrich-Stefan Noelke, Versmold im Januar 2004
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